Die paradoxe Frage
Es ist eine Frage, die zunächst keinen Sinn ergibt: Warum sollte jemand die Schweiz verlassen wollen? Das Land hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen Europas, eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten der Welt, politische Stabilität, saubere Luft, schnelle Züge und Berge, die Menschen aus aller Welt besuchen kommen. Und trotzdem wandern Schweizer aus.
Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) verließen 2022 rund 100.000 Schweizer und schweizerstämmige Personen das Land. Ein erheblicher Teil davon kehrte zurück, aber über 700.000 Schweizer leben dauerhaft im Ausland, auf einer Bevölkerung von rund 8,7 Millionen. Das ist ein Anteil von über acht Prozent, einer der höchsten unter reichen westlichen Nationen.
Was Schweizer ins Ausland treibt
Die Gründe sind nicht mangelnde Liebe zur Heimat, sondern die spezifischen Schattenseiten eines sehr erfolgreichen Landes. An erster Stelle stehen die Lebenshaltungskosten. Die Schweiz ist das teuerste Land der Welt. Ein Wochenendeinkauf für zwei Personen kann schnell 200 Franken kosten. Eine Einzimmerwohnung in Zürich oder Genf kostet 2.000 bis 3.500 Franken im Monat. Wer gut verdient, kann sich das leisten. Wer im unteren Mittelstand liegt oder gerade anfängt, kommt zunehmend unter Druck.
Zweitens: Steuern und Krankenkassenprämien. Die Krankenkassenprämien in der Schweiz kennen kein Solidarprinzip, jeder zahlt einen Grundbetrag, unabhängig vom Einkommen. Diese Prämien sind in den letzten zwanzig Jahren massiv gestiegen und verschlingen für viele Haushalte einen erheblichen Teil des Einkommens.
Drittens: der Wunsch nach etwas anderem. Die Schweiz ist ordentlich, sicher und verlässlich. Das ist für viele wunderbar. Für andere kann genau das beengend wirken. Wer Abenteuer, südliches Lebensgefühl, sprachliche Vielfalt oder einfach Neues sucht, muss hinaus.
Wohin zieht es Schweizer?
Deutschland steht ganz oben, was historisch und sprachlich wenig überrascht. Allein in Berlin wohnen schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Schweizer. Das kreative Berliner Flair, die günstigen Mieten (verglichen mit Zürich) und die große Kulturszene ziehen vor allem junge Schweizer an. Auch München, Frankfurt und Hamburg sind beliebte Ziele.
Frankreich ist die zweite große Gruppe, insbesondere für Westschweizer (Romands), die in der Romandie aufgewachsen sind und das Auswandern in ein frankophones Land als natürlichen Schritt empfinden. Grenznahe Regionen wie Elsass, Rhône-Alpes oder Burgundy ziehen viele an.
Portugal, Spanien und Südostasien wachsen ebenfalls als Ziele, besonders unter Freelancern und Frührentnern. Das digitale Zeitalter hat ermöglicht, dass Schweizer Unternehmer und Selbstständige ihren Schweizer Lohn in einem günstigeren Land ausgeben können.
Das Fünfte-Schweiz-Phänomen
Die Schweiz hat für ihre Auslandsgemeinschaft eine eigene Institution geschaffen: den Auslandsschweizer-Rat, das Parlament der sogenannten 'Fünften Schweiz'. Schweizer im Ausland dürfen in der Schweiz abstimmen, nationale Wahlen mitwählen und bleiben politisch Teil der Nation.
Das spiegelt eine tiefe Schweizer Eigenheit wider: Man kann gehen, aber man bleibt trotzdem Schweizer. Die Verbindung zur Heimat reißt selten ganz ab. Viele Auslandschweizer kehren im Alter zurück. Die Schweiz ist ein Land, das man verlassen kann, ohne es jemals wirklich zu verlassen.
Was die Schweiz daraus lernen könnte
Die Abwanderung zeigt, dass selbst Reichtum und Stabilität nicht alle Bedürfnisse erfüllen. Menschen suchen Möglichkeiten, Wärme, Abenteuer und manchmal schlicht bezahlbares Leben außerhalb einer Luxusblase. Wer die Schweiz verlässt, hört damit nicht auf, schweizer zu denken: präzise, verlässlich, qualitätsorientiert. Das wird er überall auf der Welt mitbringen. Und irgendwann wird er vielleicht zurückkehren und erzählen, was er draußen gesehen hat.
Schweizer in Berlin: Wenn die Günstigste Metropole Europas der Gegenentwurf zum teuersten Land wird
Berlin und Zürich: Kaum zwei europäische Städte könnten unterschiedlicher sein. Zürich, makellos sauber, präzise, teuer, geordnet. Berlin, rau, kreativ, günstig, laut, voller Widersprüche. Für viele Schweizer, besonders junge Kreative und Künstler, ist dieser Kontrast genau das, was sie suchen.
In Berlin kann ein Schweizer mit seinem in der Schweiz ersparten Kapital erstaunlich lang und gut leben. Ateliers, Musikstudios, Galerien und Theater gibt es in einer Dichte, die Zürich nicht annähernd bietet. Die Berliner Clubkultur ist Weltklasse. Das Theaterleben wird von öffentlicher Hand subventioniert und ist für jeden erschwinglich.
Schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Schweizer leben dauerhaft in Berlin. Sie haben Cafés gegründet (Zürcher Qualitätskaffee-Kultur trifft Berliner Lässigkeit), Agenturen aufgebaut und kulturelle Projekte realisiert. Der 'Schweizer in Berlin' ist zu einer eigenen kleinen Kulturerscheinung geworden.
Was Berliner über Schweizer sagen: Sie sind pünktlich, verlässlich, etwas zurückhaltend am Anfang, aber dann sehr beständige Freunde. Was Schweizer über Berlin sagen: Es ist die Freiheit, die sie gesucht haben. Nicht Anarchie, sondern die Erlaubnis, anders zu sein, ohne zu erklären warum.
Rückkehr in die Heimat: Was Auslandschweizer mitbringen
Viele Auslandschweizer kehren irgendwann zurück. Manche nach fünf Jahren, manche nach dreißig. Was sie mitbringen, ist mehr als Koffer und Souvenirs. Es ist eine Perspektive, die das Leben im Ausland formt und die man in der Schweiz nicht bekommen kann.
Wer in Berlin gelebt hat, bringt Berliner Offenheit und Kreativität mit. Wer in Singapur war, bringt asiatische Effizienz und globales Denken. Wer in New York war, bringt amerikanischen Pragmatismus und Ambitionsgeist. Diese Eigenschaften bereichern die Schweizer Gesellschaft, auch wenn sie manchmal auf Widerstand stoßen.
Die Schweiz ist in den letzten Jahren offener geworden. Internationale Schulen, englischsprachige Arbeitsplätze und eine wachsende internationale Community in Städten wie Zürich, Genf und Basel haben das Land durchlässiger gemacht. Zurückkehrende Schweizer passen besser hinein als noch vor zwanzig Jahren.
Was bleibt, ist das Beste beider Welten: die Präzision und Verlässlichkeit der Schweiz kombiniert mit der Weltoffenheit des Lebens im Ausland. Das ist kein Widerspruch. Es ist das vollständigste Bild des modernen Schweizers.